Akte E - Ungelöste Fälle aus der Welt der Eisenbahn
Fall W06 - DRG-Wagen für die BR 05
Ich habe auch einmal eine Frage und zwar:
Welches Wagenmaterial setze die DRB mit den Loks der Reihe 05 ein? Also
welche Wagen waren denn damals im normalen Betrieb für mehr als 140km/h
zugelassen?
Thomas Kneißl
Limburgerhof/Pfalz
Beitrag von Klaus Habermann
Guten Abend,
ich kann die Frage zwar nicht betreffentlich der Bauarten beantworten, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, daß es schwer ist, mit einer schnellfahrenden Dampflok, Raddurchmesser 2.300 mm, Fahrpläne für Geschwindigkeiten jenseits der 135 km/h zu bekommen. Die Bremsprozente reichen einfach nicht, im Vorsignalabstand zum Stehen zu kommen. Die Wagen bremsen nur mit der klassischen mechanischen Bremse, gleich ob Klotz- oder Scheibenbremse, die höher wirksamen Bremsen benötigen elektrische Energie, die eine Dampflok naturgemäß auch nicht bereitstellen kann. Von daher verweise ich Fahrplangeschwindigkeiten von jenseits der 140 km/h ins Reich der Fabel für die BR 05 und 61, zumindest für den Vorsignalabstand von 1000 m. Bei 1200 m wird es eine etwas größere Sicherheit geben, aber der Gewinn wird wohl kaum ausreichen, sicher aus 150 km/h abzubremsen. Also stellt sich die Frage schnelleren Wagenmaterials nicht.
Beste Grüße
Klaus Habermann
Beitrag von Detlef Winkler
Hallo,
im Buch "Baureihe 05 - schnellste Dampflok der Welt" von Gottwald wird von einer vmax im Regeldienst von 145 km/h auf der Strecke Hamburg - Berlin berichtet. Dort betrug der Vorsignalabstand 1200 m, womit aus meiner Sicht die 145 km/h beherrschbar sind, auch wenn die Wagen keine Magnetschienenbremse haben. Mit den damals üblichen Klotzbremsen waren sicher 130...140 Bremshundertstel erreichbar, was für 140 km/h und 1200 m Vorsignalabstand ausreicht. Das Problem wird eher die Erwärmung der Radreifen bei den Wagen und der Lok bei einer Bremsung (vor allem Schnellbremsung) gewesen sein. Da bei den Schnellzügen aber sicher nicht oft gebremst wurde, war das weniger ein Problem als heute bei 140 oder 160 km/h mit Nahverkehrszügen, wo sich bei diesen Geschwindigkeiten Scheibenbremsen (und bei 160 km/h Mg-Bremsen) durchgesetzt haben. Der Henschel-Wegmann-Zug hatte damals schon Scheiben- und Magnetschienenbremsen an den Wagen, war also recht fortschrittlich.
In dem genannten Buch ist der FD 23/24 mit geschweißten Ganzstahlwagen der Bauarten 1931...34 (durchgezogene gerade Tonnendächer und eingezogene Einstiege) abgebildet. Sicher sind später auch modernere Bauarten eingesetzt worden.
Viele Grüße
Detlef Winkler
Beitrag von Meik Nowotny Neu!
Ja, es gab damals an "Regelwagen" keine Mg-Bremse, allerdings liessen sich Geschwindigkeiten jenseits 140 km/h auf anderen Wegen erreichen, das Zauberwort ist hier "SS-Bremse", um genau zu sein Hikss.
Die Hikss verfügte neben den bekannten Stellungen G, P und R (früher S) noch über die Stellung RR (früher SS).
In Stellung SS baute sich der Bremszylinderhöchstdruck in nur 2 (!!) sek auf, auch arbeitete man hier mit sehr hohen Abbremsungen (220% bei Hochabbremsung). Diese hohen Abbremsungen waren nur schwer zu beherrschen, deshalb wurden die Wagen (m.W. erstmals in Serie) mit einem Gleitschutz ausgerüstet.
Weiteres "Feature" der Hikss waren die Koppelbeschleuniger, die vereinfacht nach folgendem Prinzip arbeiteten: An jedem Wagenende sitzt in der Gabelung der HLL zu den Bremskupplungen ein Koppelbeschleuniger. Beide sind durch 2 Drahtzüge miteinander verbunden. Wird nun der Druck in der HLL schnell vermindert, so "merkt" der am nächsten liegende Koppelbeschleuniger das und öffnet über den Drahtzug das Auslassventil von seinem "Bruder". Dadurch "überspringt" die Druckwelle sozusagen den Wagen, wirkt auf den nächsten Koppelbeschleuniger usw.
Durch den Koppelbeschleuniger wurden von Wagen zu Wagen Durchschlagsgeschwindigkeiten von 1100 m/s (!!) erreicht, bei einem 15-Wagenzug waren es 750 m/s. Zum Vergleich: mit der heute üblichen KE-Bremse werden (ohne ep-Bremse) grade mal 250 -270 m/s erreicht, allerdings ohne Koppelbeschleuniger.
Man sieht, dass man mit der Hikss damals hart an die Grenze des Möglichen gegangen war und sich das im wahrsten Sinne des Wortes teuer erkauft hatte, die Wagen schleppten jetzt einiges an Bremsausrüstung mit sich rum und Knorr hat sich die bestimmt teuer bezahlen lassen.
Ausgerüstet mit der Hikss waren meiner Informationslage nach gesichert die Lok-BR 05, E 18 und E 19, bei den Wagen ist das schwieriger, teilweise wurden welche ab ca. 1935 umgebaut, teilweise ab Werk damit ausgerüstet. Mit Ganzstahlwagen der 30er-Bauarten wird man also wohl nicht falsch liegen.
Fakt ist, das Fahrten jenseits 140 km/h damals möglich waren und wohl auch durchgeführt wurden.
Nach dem Krieg wurde die SS-Bremse übrigens nicht mehr benutzt und die Koppelbeschleuniger stillgelegt. Die effektive Einsatzzeit der SS-Bremse beschränkte sich also auf nicht viel mehr als ein halbes Jahrzehnt...
Gruss
Meik Nowotny