Akte E - Ungelöste Fälle aus der Welt der Eisenbahn
Fall 9 - Frage zur neuen Wagenbestellung der DB AG
Eine Frage zu weiteren Entwicklung im Fernverkehr der DB AG hat Sachsa Jansen geschickt:
In mehreren Foren kann man lesen, dass die DB beabsichtigt, an die 1000 neue IC-Wagen zu bestellen. Meine Fragen nun:
- war es nicht beabsichtigt, nur noch Triebzüge im Fernverkehr zu fahren?
- warum wird dann die IC-Flotte derzeit modernisiert ?
- welche Wagen werden durch diese neuen abgelöst ?
Was elektrolok.de meint
Auch wenn die DB AG einen Großteil der Leistungen in Zukunft mit Triebzügen fahren will, ist es nötig weiterhin ein paar Wagen im Bestand zu halten, um die Relationen auf die kein Triebzug eingesetzt werden kann, zu bedienen. Da der Wagenpark im Fernverkehr mit vielen Wagen aus dem Sechziger/Siebzigern schon recht alt ist, ist eine schrittweise Erneuerung angebracht. Vielleicht kann ja ein Wagenexperte das ganze noch etwas konkretisieren...
Jan Kajzar schickte mir diese Antwort:
mit der Überschrift "Neue Wagenbestellung der DB AG" in der Akte E kann es sich eigentlich nur um die Modernisierung (nicht Neubestellung!) von über 1000 IC/IR-Wagen handeln. Dazu gab es im März 02 eine recht ausführliche Pressemitteilung. Diese kann man unter www.bahn-net.de/presse Themendienste > Personenverkehr nachlesen. Die Wgen werden u.a. in Neumünster aufgearbeitet.
Hoffe geholfen zu haben
Schöne Grüße
Jan Kajzar
Hier die unter www.bahn-net.de/presse veröffentlichte Meldung:
DB startet grösstes Fahrzeug-Modernisierungsprogramm
Investition: 200 Mio. Euro / 1.200 IC/EC-Wagen vor der Runderneuerung
(Berlin/Neumünster März 2002) 1.198 Einzelwagen aus der IC/EC-Flotte der Deutschen Bahn AG werden bis Ende 2003 vollständig runderneuert und modernisiert sein. Das Eisenbahnbundesamt hat jetzt fast alle Prototypen aus dem Umbauprogramm abgenommen. Damit läuft das größte Fahrzeug-Modernisierungsprogramm in der Geschichte der Bahn an. Neben den knapp 1.200 Wagen, die für 123 InterCity- und EuroCity-Züge benötigt werden, überarbeitet die Bahn in diesem rund 200 Millionen Euro teuren Fahrzeugprogramm auch 145 Fernverkehrslokomotiven und 107 Steuerwagen.
Vor 30 Jahren hat die Bahn mit der Einführung des InterCity-Verkehrs in Deutschland neue qualitative Maßstäbe bundesweit gesetzt und damit den Einstieg in die gesellschaftliche Akzeptanz des Bahnfahrens erreicht. Jetzt steht die Grundsanierung der Flotte an, um den Reisenden im Fernverkehr neben den inzwischen klassischen, hochwertigen ICE-Zügen weiterhin "gleichberechtigt" erstklassige Verkehrsleistungen in IC/EC-Zügen anzubieten.
Sechs Wochen sind die Fahrzeuge für die Arbeiten im Werk. Vom Kasten-Rohbau bis zur Tischlerei, der Verkabelung und dem Innenausbau bleibt keine Schraube unbehandelt, keine Verdrahtung unangetastet. Parallel auf verschiedenen Gleisen arbeiten die Spezialisten an den Fahrzeugen, zerlegen das komplette Fahrzeug, arbeiten die Komponenten wie Radsätze und Drehgestelle auf, schleifen, reinigen, schweißen an dem Kasten, also der Karosserie, verlegen neue elektrische Systeme, ziehen Seitenwände und Decken ein, installieren Gepäckablagen, komplettieren den Wagen mit Sitzen und Tischen. Kurzum, jedes Teil wird bearbeitet, bis es den technischen und gestalterischen Standard moderner Fahrzeuge hat, das betrifft auch die Umweltstandards hinsichtlich Materialien und Emissionswerte.
In den drei Kompetenzwerken für Reisezugwagen der Fahrzeuginstandhaltung der DB AG, in Neumünster , Delitzsch und Wittenberge, wird mit Hochdruck im Zwei-Schicht-Betrieb gearbeitet. Sie haben den größten Teil des Auftrages nach einer europaweiten Ausschreibung erhalten. An dem Projekt sind beteiligt: die Firma PFA Weiden, die ebenfalls Komplettfahrzeuge modernisiert, die Mittenwalder Gerätebau, die die Wagen für die elektronische Platzreservierung vorrüstet, sowie Vossloh, dort wird die Elektronik für die Reservierung eingebaut.
Mit der Umlackierung der Fahrzeuge in den Fernverkehrsfarben Weiß mit rotem Streifen hat das Modernisierungsprogramm bereits im vergangenen Jahr den Anfang gemacht und ist inzwischen fast abgeschlossen. Von den insgesamt 1.745 ausgewählten Fahrzeugen sind bereits1.730 Fahrzeuge umgespritzt.
In den kommenden fünf Jahren wird die Deutsche Bahn in ihre Fahrzeug-flotte insgesamt 10 Milliarden Euro investieren, darunter rund 4 Mrd. für die Neubeschaffung von Schienenfahrzeuge des Nahverkehrs und 2 Mrd. Euro in die des Fernverkehrs. Die Auslieferung dieser Fahrzeuge erfolgt dann erst Jahre später. Aus diesem Grunde hat sich die Personenfernverkehrstochter der Bahn, die DB Reise&Touristik, entschlossen, parallel den bestehenden Fahrzeugpark zu modernisieren, um die Erwartungen der Kunden schneller zu erfüllen.
In der Umrüstung befinden sich Fahrzeuge der ersten und zweiten Wagenklasse mit Abteil und Großraum, Service- und Bistrowagen. Farblich ist das Innendesign in der 2. Klasse dezent grau/blau, die 1.Klasse kräftiger in rot/violett gehalten. Ergonomische, verstellbare Einzelsitze, "Schmetterlingstische" in den Großraumwagen an den Vis-a-Vis-Plätzen und durchgehender Teppichboden in beiden Klassen sind augenfällige Detaileinrichtungen. Gleichzeitig wird aber auch die Funktionalität erkennbar angehoben: Steckdosen für den Laptop am Platz, die elektronische Platzanzeige über dem Sitz und die Displays für das Fahrgastinformationssystem.
Technisch tut sich selbstverständlich ebenfalls einiges: Die Wagen werden auf 200 km/h auch für Tunnelstrecke ertüchtigt - entsprechend überarbeitet werden deshalb die Drehgestelle an bestimmten Fahrzeugen. Sie sind dann auf allen Schnellfahrstrecken einsetzbar. So wird z.B. ein neuer "Zug-bus" installiert, der die Kommunikation von der Lokomotive oder dem Steuerwagen aus mit allen Wagen leitet und steuert, von der Notbremsüberbrückung über elektropneumatische Bremsen bis zur seitenselektiven Türfreigabe. Mikroprozessoren steuern Gleitschutzgeräte, das ABS im Zug, um Flachstellen beim Bremsen zu vermeiden. 80 der knapp 1.200 Wagen werden künftig im internationalen Verkehr nach Italien, Polen und Tschechien eingesetzt und deshalb entsprechend mit Mehrspannungs-Energieversorgung für den Verkehr in ganz Europa nachgerüstet. Insgesamt ein technisch anspruchsvolles Paket an Maßnahmen.
Generalstabsmäßig ist das Modernisierungsprojekt zu koordinieren, denn die Fahrzeuge kommen aus dem laufenden Verkehr und werden diesem umgehend wieder zugeführt. Großvolumige Auftragsplanungen an die Zulieferindustrie sind ebenfalls notwendig wie die Einsatzplanung in den Werken; die logistischen Vorarbeiten begannen bereits früh im vergangenen Jahr. Für die Koordination ist DB Systemtechnik in Minden verantwortlich.
Dr. Hansjürgen Gärtner, der Projektleiter, meldet monatlich den Stand des Projekt an den Vorstand: "Derzeit ist alles im grünen Bereich. Wir konnten auch einige Engpässe bei den Zulieferern überwinden. Die Termine sind uneingeschränkt einzuhalten, weil wir unseren Kunden gegenüber ein Leistungsversprechen abgegeben haben, das wir halten müssen."
Aufgaben in den Werken der Fahrzeuginstandhaltung
Der Produktbereich Reisezugwagen der schweren Fahrzeuginstandhaltung der Deutschen Bahn, der die Modernisierung der IC/EC-Wagen durchführt, unterhält Werke in Neumünster, Delitzsch und Wittenberge. Hier konzentriert sich umfassendes Wissen über die Fahrzeuge der Bahn sowie das Betreiber Know-how. Qualifizierte Mitarbeiter mit speziellem Fachwissen und leistungsfähige Anlagen bilden die Grundlage für eine wettbewerbsfähige Produktion. Die Werke sind zertifiziert und sichern den Qualitätsstandard.
Das DB Werk für Fahrzeuginstandhaltung in Neumünster ist der größte Arbeitgeber in der Region. Es beschäftigt 570 Mitarbeiter und 126 Auszubildende in den Bereichen Stahlbau, Innenausbau, Oberflächenbehandlung, elektrische und elektronische Ausrüstung, Klimatechnik, Laufwerk und Bremsen sowie Aufarbeitung von Komponenten. Am sogenannten "Juniorgleis" bildet das Werk den Nachwuchs aus. Sie vertiefen ihre praktische Ausbildung und überholen, unter gleichen Bedingungen wie ihre Kollegen mit Facharbeiterbrief, Reisezugwagen.
Folgende Bemerkung von Sascha Jansen zum Beitrag von Jan Kajzar:
Die 1000 neuen Fernverkehrswagen haben NICHTS mit dem aktuell laufenden
Umbauprogramm zu tun! Es handelt sich um eine völlig neue Bestellung, der
erste Probezug (lt. Lok-Report 02/03) soll 2004 geliefert werden. Was das Umbauprogramm betrifft, so halte ich dies für eine Mogelpackung. Zwar wird die Inneneinrichtung (aber nur teilweise !) umgebaut, aber nur bei
den neueren Wagen. Die 1967-75 gebauten Wagen der Avmz 111.x erhalten nur
neue Sitzbezüge und geschlossene WC. Die Minden-Deutz-Drehgestelle werden
nur aufgearbeitet, d.h. sie rütteln genauso wie bisher. Wo ist da die
Qualitätssteigerung?
Gruss
Sascha Jansen
Tristan Engelmann hat ebenfalls noch ein paar Fragen zu diesem Thema:
Welche Wagen sollen in dem Umbauprogramm umgebaut werden? Die, die schon mal Anfang der 90ger modernisiert worden sind, zu IR-wagen, oder die ganz alten, die noch mit der Ursprungseinrichtung fahren?
Was wird an dem Wagenkasten verändert? Neue Türen, statt der Falttüren, sollen die Runden Katenabschlüsse, der alten durch gerade wie bei den neuen ersetzt werden? ( Wie war das noch? Rund = Bauart Halberstadt, gerade = Bauart Weiden, oder umgekehrt? )
Sascha Jansen schickte mir folgende Antwort Neu!
Hallo !
Zur Frage bezgl. "1000 neue Fernverkehrswagen" kann ich mitteilen, dass
die DB AG NICHT beabsichtigt, ihre IR-Wagen nochmals umzubauen. Immerhin
wurden ein Grossteil dieser Wagen noch mit dem ICE-Anstrich versehen, einige
Wagen haben sogar das neue Fahrgastinformationssystem. Über geschlossene
WC´s brauchen wir ja wohl nicht mehr zu reden. Auch ist es richtig, dass die
älteren Wagen nur eine erneuerte Inneneinrichtung erhalten. Bei den neueren
Wagen (Bvmz 185.x; Bpmz 291/292/296.x; Avmz 107 / 108 / 207) wird z.T. auch
die Raumaufteilung geändert (z.B. Von reinem Grossraum auf Grossraum /
Abteil gemischt). Ältere Wagen, z.B. Avmz 111; Apmz 121 / 122 sollen
baldigst ausgemustert werden.
Betreffend Fall 9 und zu den Fragen von Tristen Engelmann folgende
Antworten:
Umgebaut werden sollen ALLE IC/EC-Wagen. Hierzu zählen sowohl die von
1967-75 gebauten Wagen der Bauart Avmz 111.x; Apmz 121.x, als auch die
neueren, von 1978-85 und 1987-92 gebauten Wagen der Baureihen Bpmz
291/292/296.x, bzw. Bvmz 185.x. Nicht zu vergessen auch die von 1990-93
gebauten Waggons der Bauart Bomz, auch genannt "Lange Halberstädter".
Speisewagen werden nicht mehr umgebaut, die IC´s sind heute größenteils mit
dem früher im IR eingesetzten Bistro-Wagen ausgerüstet.
Nebenbemerkung zu den IR-Wagen: Die mit runden Dach waren ehemalige
Am/Bm-Wagen, wurden von PFA von 1988-95 umgebaut. Die mit dem geraden Dach
wurden in Halberstadt gefertigt, aber auch umgebaut (1991-95). Diese Wagen
wurden z.T. Auch in Steuerwagen für IC/IR umgewandelt. Aber Vorsicht ! Viele
IC-Steuerwagen sind Neuwagen, zu erkennen an den breiten Türen und den
luftgefederten FIAT-Drehgestellen (Bj. 1996-00).
Alle für das Umbauprogramm in Frage kommenden Wagen sind bereits 200 km/h
lauffähig. Tatsächlich wird die Inneneinrichtung aufgearbeitet, leider
bleiben allerdings alte Bauteile, z.B. die Drehfalttüren der älteren Wagen
sowie der MD-Drehgestelle bestehen. Die Fenster werden neu abgedichtet, z.T.
neue Scheiben und die WC´s werden "dicht".
Interessant ist die Tatsache, dass 2000 / 01 etliche Wagen, z.B. die bis
dato nicht in IR umgewandelten Bm235-Wagen sowie etliche Speisewagen
ausgemustert und später verschrottet wurden. Dies hängt wohl mit der
Einführung des ICE 3 zusammen, welcher etliche IC´s abgelöst hat. Dabei
wurde 1994 von der Bahn-Führung noch überlegt, die verbleibenden 400 Wagen
der Bm235-Reihe mit NeigeTechnik (!) ausgerüsten. Dies hätte aber zur Folge
gehabt, dass keine ICE-T bestellt worden wären. Gott sei Dank hat man aber
hiervon Abstand genommen. Wohl, weil festgestellt wurde, dass die
Umbaukosten so hoch wie bei Neuwagen gewesen wären.
MfG Sascha Jansen
Sascha Jansen hat die Antwort nun selbergefunden: Neu!
Zum Fall "1000 neue Wagen" habe ich folgende Lösung:
In der "BahnTech" 01/03 steht´s genau beschrieben. Die Bahn hat Ende Januar 1000 neue IC-Wagen europaweit ausgeschrieben, um bis spätestens 2015 ALLE derzeit fahrenden Fernverkehrswagen abzulösen. Hierzu zählen auch die IR-Wagen, welche das neue Farbkonzept erhalten haben. Ab 2006 werden größere Anzahl von Wagen (WRmz, Avmz 111, Apmz 121, 122) ausgemustert, 2009 und 2015. Die 1000 neuen Wagen sollen dem Komfort des ICE 2 entsprechen, ohne Abteile, luftgefedert sowie druckdicht. Wichtig: Die Wagen sollen nicht getrennt werden, immer im Verband fahren. Zuglok wäre die BR 101 oder die neue Diesellok, welche ab 2006 beschafft werden soll.
Zuerst war´s vorgesehen, auch für den IC-Verkehr Triebzüge zu beschaffen.
Nachher überlegte man aber, dass dies nicht flexibel genug sei.
Der Auftragswert für die 1000 neuen Wagen entspricht ca. 900 Mio. Euro.
Der Grund, weshalb 1200 IC-Wagen derzeit umgebaut werden, liegt auf der
Hand: Die Neuwagen sind frühestens 2006 im Einsatz und vorher will die DB
ihren Kunden modernere Züge bieten, es handelt sich also nur um eine
Überbrückung.Läuft die Wagenbeschaffung nach Plan, so dürfte auch der letzte ReDesign-Wagen 2015 die Fahrt zum Schrottplatz antreten.
Gruss
Sascha Jansen