Akte E - Ungelöste Fälle aus der Welt der Eisenbahn
Unbekannte Aufnahmeort beim ET 55 04
Das Foto stammt aus dem Nachlass von A. Kniffler vom RZA München und zeigt den elT 1734 a/b, (ET55 04) bei einer Probe- oder Vorführungsfahrt, wahrscheinlich 1940. Der kleine untersetzte Mann rechts ist kein anderer als Wilhelm Wechmann. Das Fahrzeug war zu diesem Zeitpunkt als Erprobungsträger für die S-Bahn München beim RZA im Einsatz.
Es ergeben sich 2 Fragen:
1. Wo wurde das Foto aufgenommen? Raum München ist zu vermuten, aber
nicht unbedingt die Lösung. Bitte die Fahr- bzw. Oberleitung beachten.
Diese Form der Querseilaufhängung wurde erst ab Ende der 20er Jahre in
Bayern eingebaut. Im Hintergrund jedoch ein Einzelstützpunkt, wie er
nur bis Mitte der 20er Jahre z. B. zwischen Garmisch und München Hbf
errichtet wurde. Bitte beachten: es gibt hier die Kombination
Gleis - Bstg. - Gleis - Bstg. - Gleis (sieht man am geerdeten
unteren Richtseil der Querseilaufhängung). Wo gab es sowas im Raum
München?
Ggf. wurde das Foto auch auf den badischen Strecken aufgenommen (dort
kenne ich die Bahnhöfe leider nicht), aber dazu braucht man ggf. den
Nachweis, dass auch hier die Oberleitung Ende der 20er oder in den
30er Jahren umgebaut wurde.
Schlesien (nicht möglich) und Mitteldeutschland (unwahrscheinlich)
scheiden als Aufnahmeort quasi aus.
2. Erkennt irgendjemand einen der anderen Herren auf dem Foto?
Gruß
Thomas
Beitrag von Frank Helmersen:
Hallo,
das Foto entstand höchstwahrscheinlich auf der Strecke Garmisch-P. - München wegen der schrotterbeladenen Güterwagen im Hintergrund, die vom Eschenloher Schrotterwerk gekommen sein könnten.
Dann kommt eigentlich nur Murnau, Weilheim, Tutzing und Mü-Pasing in Frage. Der Triebwagen hält auf Gleis 1. Die Hausbahnsteige (Gleis 1) in Tutzing und Pasing hatten, glaube ich, nicht die abgebildete Breite in Murnau und in Weilheim aber sicher. Ein Foto aus dem Buch: "Siegfried Bufe/Die Karwendelbahn/1992 (ISBN 3-9221138-45-4)" von Seite 64 zeigt Bahnhof Weilheim mit übereinstimmenden Masten, allerdings ist die Querseilaufhängung umgebaut.
Viele Grüße aus Kopenhagen
Frank.
Beitrag von Thomas Scherrans:
Hallo,
zum Kommentar von Frank Helmersen:
Die Strecke München - Garmisch ist sicher nicht auszuschließen, zumal
die Bauform des Einzelstützpunktes im Hintergrund genau dieser Strecke
entspricht. Doch ich hatte bisher meine Zweifel, dass man in den 30er
Jahren angesichts der Elektrifizierungsvorhaben der DRG bzw. DRB
komplette, erst ca. 10 Jahre alte Anlagen umbaut.
Die auf dem Fotos sichtbaren Lampen sind leider auch kein genauer
Anhaltspunkt, da sie damals in ähnlicher Form auf vielen bayerischen
Bahnhöfen zu sehen waren. Den Bf. Tutzing kann man wegen der dort
vorhandenen Betonmasten ausschließen.
Wenn Weilheim der Aufnahmestandort ist, wäre zu klären, ob der
Hausbahnsteig damals bzw. noch heute nach Norden mit EL6-Signal ein
elektrisches Stumpfgleis ist. Angesichts der einmündenden Strecke aus
Peißenberg, die offensichtlich im Bahnhofsvorfeld im Süden die
Hauptstrecke kreuzt, ggf. möglich.
Gruß
Thomas
Beitrag von Mathias Hiller:
Zu dem Fall Unbekannte Aufnahmeort beim ET 55 04 gibt es jetzt eine
weitere Angabe: Ich habe inzwischen einen Scan der Rückseite
erhalten. Dort steht sinngemäß, die Probefahrt ging nach Bichl (das
ist ja schon mal ein toller Anhaltspunkt!). Es gibt jedoch keine
Angabe, wo genau sich die Leute befinden.
Auf in die nächste Runde!
Beste Grüße
Mathias Hiller
Beitrag von Karl Sittner: Neu!
Guten Tag!
Ich habe von Frank Schwabe ihre Frage erhalten und klären können. Ein ehemaliger Eisenbahner bei mir im Dorf ist Zeitzeuge und konnte mir den Bahnhof bereits bestätigen, der Chronist hier in Bichl konnte das Bild heute auch eindeutig anhand der im Hintergrund vorhandenen Häuser identifizieren. Das Bild entstand also definitiv in Bichl am Hausbahnsteig.
Ich hoffe, ihnen geholfen zu haben.
Gruß
Karl Sittner
Beitrag von Mathias Hiller: Neu!
Hallo!
Das Rätsel um den Aufnahmeort des elT 1734 (ET 55 04) bei der Probefahrt für die Münchener S-Bahn am 20. September 1940 ist gelöst! Es ist Bichl.
Anbei nochmal der gesamte Bildunterschrifttext zu dem Foto Am 20. September 1940 absolvierte der elektrische Einheitstriebzug elT 1734 (im Bild elT 1734 a, später ET 55 04 a) das Betriebsprogramm der seinerzeit geplanten, 11 400 Meter langen Stammstrecke der Münchener S-Bahn Pasing-München Hbf-Marienplatz-München Ost. Im Bild rechts steht der "Chefelektriker der Reichsbahn", Prof. Dr.-Ing. Wilhelm Wechmann. [85, 104]
Die Probefahrt nahm man auf einer eigens dazu hergerichteten Strecke im Raum München vor. Dafür ließ das Reichsbahn-Zentralamt (RZA) München den fabrikneuen elT 1734 als Komponentenerprobungsträger umbauen; unter anderem erhielt er Scheibenbremsen, neue Fahrmotore sowie eine elektrische Nutzbremse. [16]
Unter Federführung des Reichsbahnrates Alfred Kniffler, der sich für die Rückgewinnung der Bremsarbeit in elektrische Energie und deren Einspeisung in das Bahnnetz einsetzte, gelang der Nachweis der Einsatzreife. Über das Thema legte er 1944 seine Dissertation vor.
Der Zweite Weltkrieg stoppte die Entwicklung der Züge, die wie in Hamburg in Stahlleichtbauweise als ET + EM + ET gefertigt werden sollten (Achsfolge B0'B0' + 2'2' + B0'B0'). München erhielt erst 1972 eine S-Bahn.
Bereits am 19. September 1940 war im RZA München eine Gruppe hochrangiger Förderer des elektrischen Zugbetriebes zusammengetroffen, um für die neuen Berliner und Münchener S-
Bahnfahrzeuge einheitliche Standards in Wagenbau- und Ausstattung festzulegen (u. a. elektrische Nutzbremse, Stahlleichtbauweise, Kunstlederpolster für die dritte Klasse; siehe Züge der Berliner S-Bahn. Die eleganten Rundköpfe, Seiten 96, 103 bis 104).
Foto: Sammlung Ulrich Kniffler
Die Quellenangaben habe ich hier dringelassen.
Der Text stammt aus dem Buch "Züge der Berliner S-Bahn. Das Blaue Wunder", Verlag GVE, Berlin 2005 http://www.hisb.de/souvenir/170erbuch/index.html