Akte E elektrolok.de
Ungelöste Fälle aus der Welt der Eisenbahn



Akte E - Ungelöste Fälle aus der Welt der Eisenbahn

Preußische E 71

In den Achtziger Jahren hat User Olaf Kronenthal das Foto von einem Kollegen bekommen, der es irgendwo gefunden hatte. Er selbst tippt bei der Aufnahme auf das Jahr 1915, aber nur aufgrund der Kleidung der Männer. Frage: Welche Lok zeigt das Bild und wann bzw. wo wurde es aufgenommen?




elektrolok.de hat bereits folgendes herausgefunden:
Bei der Aufnahme handelt es sich um eine Lok der Baureihe EG 511-537 der preußischen Staatsbahn. Die Loks wurden ab 1914 in Dienst gestellt und bekamen bei der DRG 1927 die Bezeichnung E 71. Die letzten Vertreter wurden Ende der Fünfziger Jahre bei der DB in Freiburg ausgemustert. Anhand des dritten Spitzenlichts auf dem Vorbau und der Stirnpartie kommen eigentlich nur die drei erstgebauten EG 511-513 in Frage. Diese wurden 1914 zum Bw Bitterfeld abgeliefert, wo sie kurz nach Kriegsbeginn im Jahr 1915 abgestellt wurden. Die Loks kamen dann zum Bw Nieder-Salzbrunn und wurden vor Güterzügen in Schlesien eingesetzt. Im Frühjahr 1923 kamen die drei Maschinen nach Mitteldeutschland zum Bw Halle und wurden dort im leichten Personen- und Güterzugdienst eingesetzt. Die EG 512 wurde 1926 nach einem Unfall ausgemustert. Ab 1927 hatten die beiden anderen Loks der ersten Serie die Bezeichnung E 71 11 und E 71 13 bekommen. Beide Loks gelangten Mitte der Dreißiger Jahre auf die Wiesen und Werratalbahn bei Basel, wo sie in den Fünfziger Jahren ausgemustert wurden. (Mehr dazu in meinem Profil des Bw Basel). Das Bild entstand vermutlich irgendwann in den Jahren 1915-1922 in Schlesien. Da Betriebsaufnahmen aus Schlesien zum einen und von der E 71 aus dieser Zeit zum anderen recht selten ist, ist die Aufnahme mit Sicherheit eine große Rarität.

Was noch fehlt:
Vollkommen unbekannt ist noch der Aufnahmeort und eine genauere Bestimmung des Aufnahmezeitpunkts. Auch Ergänzungen zu den oben genannten Informationen sind jederzeit willkommen. Einfach per E-Mail unter Angabe des Stichwortes Akte-E an die e-mail: info@elektrolok.de


Weitere Hinweise von Thomas Scherrans:
Hallo,
sehr schönes Foto. War mir bisher unbekannt. Nun möchte ich auch gern zur Klärung des Rätsels beitragen.
Wenn das Foto in Schlesien entstanden ist, dann nicht vor 1916. Bis dahin waren die schlesischen Loks im Bw Niedersalzbrunn beheimatet. Dieses hatte nur eine kleine Drehscheibe (davon gibt es Fotos) und garantiert nicht solch einen riesigen Ringlokschuppen. Einen großen Ringlokschuppen gab es in Dittersbach.
Ab 01.01.1916 wurde dann die Hauptbahn Freiburg - Niedersalzbrunn - Dittersbach - Fellhammer - Gottesberg elektrisch betrieben. Ab da ist auch die Beheimatung von E-Loks in Dittersbach sinnvoll. Nun gibt es aber vom Dittersbacher Schuppen (http://www.welcome.to/Laenderbahn) ein Foto, das frühstens 1920 aufgenommen wurde. Die EG 540 bis ... wurde in diesem Jahr in Betrieb genommen und die sind auf dem Foto zu sehen. Was fällt auf: die Rauchabzugsrohre, die auf dem Foto von Fall 1 mit der E71 nicht zu sehen sind. Nun könnten die Rauchabzüge später demontiert worden sein, weil eine E-Lok gewöhnlich keinen Rauch produziert (abgesehen von denen mit Kessel für Zugheizung). Also kann das Foto, wenn in Dittersbach entstanden, erst nach 1920 aufgenommen sein.
Gegenfrage: warum soll das Foto nicht im mitteldeutschen Raum, z. B. bei der Inbetriebsetzung in Bitterfeld entstanden sein?
Leider ist die Fahrleitung auf dem Image kaum erkennbar. Könnte eine AEG-Fahrleitung sein, dann trifft sowohl Bitterfeld als auch Dittersbach zu (vgl. www.elektrische-bahnen.de/history/eb_1623de.htm).
Es ist nicht in Dittersbach. Das Schuppendach ist zu flach und in anbetracht der Schneemassen im Riesengebirge völlig ungeeignet, also ist der mitteldeutsche Raum doch recht wahrscheinlich.
Der Schuppen in Dessau ist es auch nicht, da dort der Schuppen nach Aussage eines Kollegen kleiner war. Allerdings brachte der Kollege noch Roßlau ins Spiel. Da wurde der Betrieb aber erst 1922 aufgenommen, es sei denn, die etwas unklare Zeit im Juli 1914. Dort wurde nach wiedersprüchlichen Aussagen z. T. Fahrleitungen nach Delitzsch und Leipzig sowie Ri. Magdeburg zugeschaltet. Dann wären Testfahrten durchaus denkbar.

Thomas Scherrans


Nochmal weitere Hinweise von Thomas Scherrans:
Am WE hab ich mich jedoch auch mal mit Fahrzeugen beschäftigt. Die E71 hat mir keine Ruhe gelassen und folgendes ist erst mal falsch: "Anhand des dritten Spitzenlichts auf dem Vorbau und der Stirnpartie kommen eigentlich nur die drei erstgebauten EG 511-513 in Frage." Es gibt Fotos von später gelieferten Loks, die diese Spitzenlicht haben. Ich bin mir recht sicher, dass es keine 511 bis 513 ist. Wenn man mal den Lokkasten betrachtet, dann fällt die Wölbung des Daches auf, die z. B. die EG 511 nicht in diesem Maß hat (vgl. eg511_bitt.jpg, Quelle: Werbung AEG in Elektrische Bahnen).


Ausserdem ist das Foto nach 1918 entstanden, denn es fehlt der KPEV-Adler über der Loknummer, soweit das auf dem Foto zu erkennen ist. Wenn es nicht in Schlesien aufgenommen wurde, dann also fühstens 1921, da wurden die Loks EG 517 ff in Mitteldeutschland Betrieb genommen. Nach 1924 kann es auch nicht gewesen sein, dann wurden nämlich die Kästen für die Wendefeldwiderstände zwischen die Frontfenster gebaut, wenn man der Literatur glauben darf.

Ein weiterer Kollege hat sich die Sache angeschaut. Er ist vom Fach und ehem. Reichsbahner, der sich in diesem Bereich bestens auskennt. Er meint: Bitterfeld, oberer Schuppen (bedeutet: nordwestlicher Schuppen), sollte noch stehen, wenn nicht in den letzten Wochen abgerissen.

Also: Mitteldeutschland zwischen 1921 und 1924. Keine EG 511 - 513, vermutlich 517 ff vor Schuppen in Bitterfeld.


Neue Vermutungen von Jürgen Krebs
Hallo,
das Bild könnte auch in Leipzig aufgenommen sein.
Was spricht dafür:
Der abgebildete Lokschuppen dürfte der Lokschuppen 1 des späteren Bw Leipzig West am "Berliner Bahnhof" sein. Die Bauart der Tore spricht dafür. Besonders Merkmal ist jedoch der Standort und die Bauart des Schornsteins. Er ist noch heute an dieser Stelle zu finden. Am 27. September 1921 wurde auf der Strecke Bitterfeld - Leipzig Hbf der elektrische Zugbetrieb aufgenommen. Die ehemaligen Bitterfelder Gleise (heute Strecke zum Flughafen) liegen unmittelbar vor diesem Schuppen. Es ist davon auszugehen, dass die Gleise des sog. Berliner Bahnhofs damals mit überspannt wurden. Somit wäre eine Aufnahme dort möglich gewesen.
Jürgen Krebs
www.kanonenbahn.de
www.eisenbahnfreunde-stassfurt.de


Beitrag von Carsten Rilitz
Guten Tag,
ich habe zur Stationierung der E71 in dem Heft "Eisenbahn-Fahrzeug-Katalog Band 4: Altbau-Elektrolokomotiven GeraNova" folgendes gefunden:
"Zwischen März und Juli 1914 nahmen die ersten drei Maschinen bei der Betriebswerkstätte Bitterfeld den Versuchsbetrieb auf. Nach der kriegsbedingten Einstellung des elektrischen Zugbetriebes in Mitteldeutschland am 1. August 1914 und der Demontage der Anlagen wurden die Maschinen EG 511 - EG 513 mit anderen Elektrolokomotiven aus dem mitteldeutschen Netz ein Jahr später nach Nieder Salzbrunn (Schlesien) umgesetzt."
Diese Aussage würde zum einen für Bitterfeld und zum anderen für den Zeitraum vor 1920 sprechen. Der Versuchsbetrieb würde auch erklären warum sich eine Gruppe von Eisenbahnern so dekorativ vor der Lokomotive fotografieren liess.
MfG
Carsten Rilitz


Beitrag von Wolfgang-D. Richter
Hallo,
einige der diskutierten Fragen und Vermutungen lassen sich anhand einer von Brian Rampp und mir im Jahre 1999 ausgearbeiteten Recherche klären; die Veröffentlichung erfolgte im em 9/2000.
Hier in Kurzform einige Details:
Die in der Literatur immer wieder abgeschriebenen "drei Loks EG 511 bis 513" lassen sich nicht so leicht ausrotten, da sie durch die Bestelldaten dokumentiert sind und Details der späteren Auftragsabwicklung nicht bekannt wurden.
Nur die EG 511 und 512 hatten den kurzen Kasten mit schmalem Führerstand, die dritte bestellte Lok wurde den bekannten Triebgestellen der S-Bahn geopfert. Die EG 513 wurde erst 1915 gebaut und erhielt bereits den Serienkasten, den auch das Foto zeigt. Da der Zugbetrieb in Mitteldeutschland zum 04.08.1914 eingestellt wurde, kann das Foto erst nach dem 25.01.1921 (z.B. in Bitterfeld, Leipzig-Wahren, ...) entstanden sein.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang-D. Richter


Beitrag von Wieland Schulze
Hallo,
bin durch Zufall auf die Akte E Seite gekommen. Dazu mein Kommentar: Also das Bild ist mir, obwohl es schon sehr alt ist, irgendwie sehr vertraut vorgekommen. Ich tippe auf den alten Schuppen 1 im Bw Rothensee. Da ja im Bahnhof Rothensee bereits am 01.07.1923 offiziell der elektrische Betrieb eröffnet wurde, könnte das alles passen. E-Lok´s der BR 71 waren ja auch in Rothensee beheimatet. Was spricht für Rothensee???? Hinter dem Schuppen ist eine große Esse zu erkennen und es gab zwischen Schuppen 1 und Schuppen 2 solch eine große Esse. Die Lok müßte auf der Ausfahrt stehen. Es paßt, da zwischen dem Gleis wo die Lok steht und das erste Schuppengleis etwas Platz ist. Also wenn noch jemand meine Theorie bestätigt, währe das Bild eine Sensation, da es fast keine Bilder aus dieser Zeit aus Rothensee gibt.
Habe noch mal in Ruhe es mir angesehen, also Bitterfeld ist es nach meiner Meinung 100%ig nicht. Habe auch schon eine 90%ige Bestätigung von einem anderen Eisenbahnfreund, daß es in Rothensee ist. Das paßt einfach alles. Muss noch dazu sagen, daß es in Rothensee zu dieser Zeit auch schon eine Zentrale Rauchgasabzugsvorrichtung gab, deswegen auch die Esse im Hintergrund. Das kann nur Rothensee sein....!
Habe gerade eine E-Mail bekommen von einem Kumpel, der mir mitteilte, die Aufnahme könnte doch in Bitterfeld sein. Das Bw wurde in den 30er Jahren umgebaut, so das auf dem Bild noch der alte Lokschuppen sein kann. Ich kenne nur den "neuen". Weiterhin teilte er mir mit, daß das Bw Rothensee erst in den 30er mit der Elektrifizierung aus Richtung Halle mit Fahrdraht überspannt wurde. Hat er irgendwo gelesen. Also ich persönlich bin aber immer noch der Meinung, das Bild ist in Rothensee entstanden. Irgendwie paßt das alles zusammen, die Esse im Hintergrund, die Rauchgasanlage und die Gleisführung.
Gruß
MfG
Wieland Schulze
www.bw-rothensee.de


Beitrag von Matthias Muschke
Hallo,
ich habe gerade das Rätsel der E 71 von einem Kollegen bekommen. Wir sind beide der Meinung es handelt sich um den ehemaligen Schuppen 1 des Bw Rothensee (Magdeburg).
Dafür sprechen Lage der Schuppengleise und des Zufahrtsgleises mit der Lok. Bauform von Schuppen und Toren, sowie insbesondere dessen Dach ohne Rauchabzüge. Er hatte zentrale Rauchabführung (Schlot im Hintergrund) und war der Lit. nach der erste in Preussen. Die Zufahrt und ein Teil der Gleise, der sogannte "Durchgang" (Verb. zur Scheibe2) waren damals schon überspannt. Gut zu erkennen ist das auf dem Bellingrodt Bild der 55 5555 in Rothensee.
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Muschke


Beitrag von Wieland Schulze Neu!
Hallo,
ich habe das Bild mehreren Eisenbahner gezeigt und alle haben mir bestätigt, daß ist Rothensee. Auch ein altes Foto von Altmeister Bellingrodt mit der 55 5555 zeigt im Vergleich das ist Rothensee. Darum glaube ich, daß Rätsel kann als gelöst betrachtet werden. Hier nun meine Schlußfolgerung:
Das Bild ist um 1923 entstanden, da ja der elektrische Zugbetrieb offiziell am 01.07.1923 zum Magdeburger Hbf und zum Rothenseer Bahnhof aus Richtung Dessau aufgenommen wurde. Der Eröffnungssonderzug wurde am 26.6.1923 gefahren. Die Aufnahme zeigt die E 71 vor dem Schuppen 1 und die Lok steht auf der Ausfahrt vor Stellwerk R. Ein Bekannter, der als Kind das Bw Rothensee kannte da sein Vater dort Lokführer war, bestätigte mir auch, daß Schuppen 1 früher der E-Lokschuppen war und Schuppen 2 der Dampflokschuppen. Weiterhin sind keine Rauchgasabzüge vorhanden, da Rothensee zu dieser Zeit über eine Zentrale Abführung verfügte. Darum auch die Esse im Hintergrund. Die Aufsätze auf dem Schuppendach sowie die Schuppentore sind identisch mit dem Bellingrodtfoto, welche ich leider nicht zeigen kann (Urheberrecht).
MfG
Wieland Schulze
Webmaster www.bw-rothensee.de




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